HipHop: Öffner des Tors zur weiten Welt der Musik

Foto: Annnie Theby | Unsplash

HipHop-Musik ist nicht nur “Beats ‘n’ Rhymes” – von ihr geht ein weiterer, besonderer Reiz aus. Sie ebnet den Weg zu allen möglichen Genres und Platten. Dank Sampling ist diese Musik eine Inspiration für Plattensammler.

Von Sascha-Pascal Schimmel

“Eine Hommage an die Vielfalt und den musikalischen Reichtum von Schallplattenläden…” So nennt der SWR das Album “Endtroducing” (1996) von DJ Shadow. Und damit drückt der Sender ziemlich genau die Faszination aus, die für viele HipHop-Heads von ihrem Lieblings-Genre ausgeht.

“Endtroducing” gilt als das erste Album, das komplett aus Samples besteht. Samples sind kurze Musikfetzen, die sich, neu gemischt, arrangiert und mit anderen Fetzen kombiniert, in neue Tracks verwandeln. Und HipHop war die erste Popmusik, die vor allem auf dieses Konzept gesetzt hat. Auf diese Weise öffnet sie das Tor zur weiten Welt der Musik – sie zitiert Blackmusic genauso wie Krautrock, Psych, Klassik, Prog-Rock und Electro.

Los ging’s in den 1970ern in der Bronx in New York City. Dort entstand HipHop in einem aufgeheizten Klima. Der Stadtteil war verwahrlost, wurde von der Politik – teils bewusst – vernachlässigt. Gangs dominierten die Straßen, unter anderem die Black Spades mit dem späteren Afrika Bambaataa (s. “Born in the Bronx” von Johan Kugelberg). Es gab Bandenkriege. Heroin floss durch die Venen der Bewohner des Stadtteils. Als laut Kugelberg 1972 42 Gangs ein Friedensabkommen unterzeichnet haben, beruhigte sich die Bronx ein wenig. Auch wenn Gang-Gewalt noch über Jahre ein Problem gewesen sei.

Sample- und HipHop-Pionier DJ Kool Herc

Etwa zu dieser Zeit entstanden in diesem Teil New Yorks die so genannten Block Partys. Erst in Gemeinschaftsräumen, schließlich in Clubs und open air. DJs brachten mit ihren Platten und Soundsystems die Crowd zum Kochen. Dabei ließen sie besonders einprägsame Rhythmen zum Beispiel von Funk-Hits als “Loop” laufen. So entstanden die Breakbeats, eine frühe Form von HipHop-Samples.

Pionier in dieser Disziplin ist DJ Kool Herc gewesen. Er legte auf den ersten Block Partys auf. Unter anderem auf der Back-to-School-Party seiner Schwester Cindy. Mit seiner “Merry-Go-Round”-Methode spielte Herc Breakbeats direkt nacheinander. Und verhalf auf diese Weise einem Song, der heute ein Klassiker ist, zu nachhaltiger Bekanntheit – “Apache” von Michael Viner’s Incredible Bongo Band. Bevor der DJ diesen Song entdeckt und als Breakbeat gespielt hat, ist er laut Johan Kugelberg ein Flop gewesen.

Die Instrumentals von auf Samples basierendem HipHop wurden mit der Zeit komplexer und teils melodiöser. Für “The World Is Yours” schnappte sich Nas wenige Sekunden eines Songs der Jazz-Piano-Größe Ahmad Jamal. So schuf er einen eingängigen und smoothen Track. 1994 ist das gewesen. In einem Jahrzehnt, das als die “Golden Era” des HipHop gilt – was Sound-Architekten der Gegenwart und der jüngeren Vergangenheit des Genres aber nicht gerecht wird. Damals dominierten jedenfalls Jazz-, Soul- und Funk-Samples. Künstler wie Gang Starr haben es darin zur Meisterschaft gebracht.

Doch was HipHop wirklich interessant und mächtig macht, ist das Crate-Diggin. Das tiefe Graben in den Plattenkisten nach spezieller Musik. Besonders groß darin sind bzw. waren Madlib, Peanut Butter Wolf und MF Doom. Und in Deutschland HipHop-Urgestein Torch. Mit seinem einzigen Soloalbum “Blauer Samt” hat der Heidelberger einen Meilenstein gesetzt. Der Sound ist für den deutschen HipHop einmalig. Solche Klänge sind zuvor unbekannt gewesen. 

Torch lässt die Decodierer auf seine Tracks los

Für sein Album bediente sich Torch an unterschiedlichsten Genres. Auch mit der Absicht, seine Fans neugierig auf die Originale zu machen. Sie sollten sich auf die Suche nach ihnen begeben, sie entschlüsseln. In der Monografie zu “Blauer Samt” nennt Torch seine Hörer daher “Decodierer”. 

Als kleine Unterstützung hat der Rapper und Produzent später ein Mixtape veröffentlicht, auf dem sämtliche Samples zu hören sind – allerdings hat er sich die Trackliste gespart. Fiese Sache. Aber dank Apps wie Shazam und der Sample-Datenbank whosampled.com lassen sich einige Track entschlüsseln. So ist Torchs Song “Die Welt brennt” ein Zitat von “Hate” der Synthie-Pop-Band Talk Talk. Auch der Chansonnier Charles Aznavour und der Schweizer Andreas Vollenweider haben den Heidelberger inspiriert.

Auf diese Weise sorgt HipHop immer wieder für Aha-Erlebnisse und gewährt Blicke in ungeahnte Bereiche der Musik. Einen dieser Momente hat mir Madlib beschert. Es ist der Song “Papermill” von Madvillain gewesen – einer Kooperation zwischen dem Kalifornier und dem mittlerweile verstorbenen MF Doom –, der mich beim ersten Hören stutzig gemacht hat. “Höre ich da verzerrte deutsche Sprache?”. Yo, so ist es gewesen. Madlib hatte sich eine Live-Version des Songs “Irgendwie” der Krautrocker Blonker vom Brain Festival in Essen geschnappt und verwurstelt. Darauf muss man auch erst einmal kommen.

Ähnlich spannende Instrumentals finden sich bei MF Doom, der mit bürgerlichem Namen Daniel Dumile hieß. “Let Me Watch” seines Alter Ego Viktor Vaughn bedient sich an “Sara Lee” von 6680 Lexington, Bluesrockern aus Großbritannien. Auch kreativ: Peanut Butter Wolf. Sein “Breaks Em Down” ebnet den Weg zum Konzeptalbum “Music Inspired By Lord Of The Rings” von Bo Hansson.

Crate Diggin‘: Eintauchen in die Welt der Musik

Es ist spannend und faszinierend, dank HipHop, dank Sampling, dank der Crate Digger immer Tiefer in Welt der Musik einzutauchen. Die Musik von Künstlern wie dem Äthiopier Mulatu Astatke kennenzulernen – wäre sonst leider an mir vorbeigegangen. Oder “Sour Soul” von Alain Gorageur und Pool-Pah zu entdecken. Eine düstere, treibende, jazzige Psych-Nummer. Macht einfach Spaß.

Diese Dimension macht für mich den Reiz von HipHop aus. Für Plattensammler bietet sie immer neue Anstöße, die Fühler nach bisher vernachlässigten Genres auszustrecken und das Plattenregal bis zum Auseinanderbrechen zu füllen. Zudem sagen die Songs und die Auswahl der Samples etwas über die Künstler aus. 

Samples erzählen Persönliches – wie bei RZA

Es ist nicht immer so klar wie bei Wu-Tang-Clan-Mastermind RZA, aber er ist einfach ein prägnantes Beispiel. Viele Tracks, die er für den Clan, dessen Mitglieder oder seine Solo-Projekte produziert hat, triefen vor Anleihen an alten Kung-Fu-Filmen. RZA baut Dialoge, Kampfeffekte und Musik aus solchen Streifen in seine Musik ein. Warum? Weil sie ein prägender Teil seiner Kindheit gewesen sind.

Insgesamt soll RZA im Laufe seiner Karriere laut der Sample-Datenbank whosampled.com um die 800 Tracks gesampelt haben. Besonders im Ohr klingt mir “As Long As I’ve Got You” von The Charmells – die Blaupause für den Wu-Klassiker “C.R.E.A.M.”. Schnipsel der Soul-Nummer tauchen der Datenbank zufolge in etwa 40 weiteren Tracks auf.

Der am häufigsten gesampelte Song aller Zeiten soll übrigens “Amen, Brother” (1969) von der Soul-Kombo The Winstons sein – mehr als 5500-mal. In den 1980ern entstand aus einem sechssekündigen Drumsolo des Tracks der “Amen Break”, wie der Fluter, das Jugendmagazin der Bundeszentrale für Politische Bildung, schreibt. Kurios dabei: Das Lied hatten The Winstons nur eingespielt, um die B-Seite einer 7”-Single zu füllen. Und dann wurde es zu einem prägenden Element des HipHop.

~ von Marleen Records - März 21, 2022.

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