Vinyl ist mehr als Musikkonsum: Warum es noch immer Plattenläden gibt

Keller des Plattenladens Marleen Records in Fulda samt Sortiment (Hessen/Deutschland/Germany)
Im Keller von Marleen Records findet ihr unter anderem Soundtracks, Jazz, Blues, Country und Musik aus verschiedenen Teilen der Welt. (Foto: Sascha-Pascal Schimmel)

Online finde ich alles, wozu brauche ich da noch einen Plattenladen? Diese Frage greift wirklich zu kurz. Denn Record Stores sind essentieller Bestandteil des Musikhörens per Schallplatte und der Vinyl-Kultur.

Von Sascha-Pascal Schimmel

„Wie ist es überhaupt möglich, dass es noch Plattenläden gibt?“ Das fragte das Musikmagazin Rolling Stone 2015. Gut sechs Jahre später könnte man antworten: „Ist doch klar! Das liegt am Comeback des Vinyls.“ So klar ist die Sache aber nicht. Natürlich, der Um- und Absatz mit und von Schallplatten hat sich zuletzt in die richtige Richtung entwickelt. Laut der Veröffentlichung „Musikindustrie in Zahlen 2020“ des Bundesverbands Musikindustrie (BVMI) wurden im vergangenen Jahr 4,2 Millionen Schallplatten (LPs) verkauft. Etwa sechsmal so viele wie 2011.

Vinyl befindet sich im Aufschwung, bleibt aber Nische und ist weit weg von seinen Rekordumsätzen in den 1980ern. (Grafik: BVMI)

Der Umsatz mit Vinyl-LPs hat sich im selben Zeitraum sogar versiebenfacht. Von 14 Millionen Euro auf 99 Millionen Euro. 2015, dem Jahr der Veröffentlichung des Rolling-Stone-Artikels, ist er gerade einmal halb so groß gewesen. Allerdings zahlt diese Entwicklung nicht eins zu eins auf die Konten der inhabergeführten Plattenläden ein. Sie müssen sich diesen Kuchen mit – zum Teil mächtiger – Konkurrenz teilen. Große Elektrofachgeschäfte und Drogerien, die eine Menge Laufkundschaft haben und auf das Geschäft mit Vinyl nicht unbedingt angewiesen sind. Online-Händler mit großem oder Nischen-Sortiment. Und eben dem gigantischen Gemischtwarenladen Amazon. Der Umsatzanteil des E-Commerce am Musikverkauf insgesamt – also inklusive Streaming und Downloads – lag 2020 bei knapp 20 Prozent. Das steht in „Musikindustrie in Zahlen 2020“. Der Medienfacheinzelhandel, zu dem Plattenläden zählen, kam gerade einmal auf 0,6 Prozent.

Seit 2015 hat sich der Umsatz mit Vinyl-LPs verdoppelt. (Grafik: BVMI)

Schallplatten sind kein schlichtes Konsumgut, sie sind mehrdimensional

Die Antwort auf die Frage von Rolling Stone können also nicht rasant gestiegene Umsätze und Gewinne von Plattenläden sein. Die Antwort ist vielmehr Leidenschaft – hinter und vor dem Verkaufstresen. Vinyl, das ist Kultur. Zumindest für viele, die dieses schwarze Zeug lieben, es für sich als Musikmedium Nummer eins entdeckt haben. Und eben auch für jene, die einen eigenen Plattenladen führen. Es steckt Emotion in den Scheiben, in der Gestaltung der Cover und im Auflegen der Musik. Schallplatten sind kein schlichtes Konsumgut, sie sind mehrdimensional.

Eine dieser Dimensionen ist der Besuch im Plattenladen, beginnend mit dessen Lage. Nur wenige befinden sich auf den zentralen Shopping-Meilen der Städte. Wer auf Städtetrip ist und diesen mit dem Besuch mehrerer Plattenläden verbindet, lernt unweigerlich Straßen und Stadtteile kennen, die ihm oder ihr sonst entgangenen wären. Die ihren eigenen Charme haben, sei es wegen der Architektur ihrer Gebäude oder anderer inhabergeführter Geschäfte, Cafés und Restaurants. 

Marleen Records: Plattenladen in Fulda (Hessen/Deutschland/Germany)
Unser Plattenladen befindet sich in der Löherstraße in Fulda. (Foto: Sascha-Pascal Schimmel)

Auch Marleen Records befindet sich in Fulda nicht zwischen Bahnhof und Uniplatz oder an der Friedrichstraße. Dort, wo sich Geschäfte aneinanderreihen. Mords ab vom Schuss liegt der Laden natürlich auch nicht, aber in einem Teil der Stadt, der außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauer gelegen ist. In der Löherstraße. Hier haben früher die Löher gelebt und gearbeitet, sie haben Leder gegerbt. Heute gibt es in der Löherstraße neben dem Plattenladen regionale Produkte, Bücher, Antikes, Gastronomie und verschiedene Dienstleistungen.

Record Stores: Zwischen durchgestylt und Labyrinth

Der Reiz von Plattenläden selbst liegt unter anderem in ihrer Individualität. Es gibt die durchgestylten Läden mit Café-Bar. Es gibt jene, die einem Labyrinth gleichen, in denen kaum eineinhalb Meter Platz zwischen Regalen und Kisten ist und deren Inhaber vorsorglich sagt: „Wenn du etwas bestimmtes suchst, frag’ mich lieber, alleine findest du es hier eh nicht.“ Manche scheinen aus der Zeit gefallen, sie kommen ohne Internet aus, ihr Telefon hat noch eine Wählscheibe und Schallplattenpreise schlägt der Verkäufer in einem weißbrotdicken Katalog nach. Andere Läden quetschen sich auf so wenige Quadratmeter, dass es wundert, was für ein gutes Sortiment sie auf dieser kleinen Fläche untergebracht haben. Und wiederum andere haben so viel Platz, dass sie sich in vielen Genres austoben können, ohne dass das Angebot lediglich an der Oberfläche kratzt.

Dieses Angebot ist einer der Hauptfaktoren, wegen derer es Plattenläden noch gibt, warum es sie geben muss. Ihre Inhaber und Mitarbeiter sind im Prinzip die Kuratoren des Sortiments. Know-how, Erfahrung und eigene Interessen spielen ein große Rolle. Natürlich befindet sich unter der Neuware auch vieles, was gerade im Trend liegt. Aber auch einiges, bei dem sich der Gedanke „Was könnte meinen Kunden sonst noch gefallen, wie könnte ich sie ein wenig fordern?“ Ursache für die Bestellung gewesen ist. 

Der Reiz des Stöberns und Findens

Durch dieses individuell zusammengestellte Sortiment gleicht jeder Plattenladenbesuch aufs Neue einer kleinen Expedition in die Weiten der Musik. Ganz egal, ob es der erste oder der zehnte Besuch eines Ladens ist. Das Stöbern und Finden nimmt kein Ende. Und es läuft auf verschiedene Arten und Weisen ab.

Vollkommen planlos, indem sich Vinyl-Sammler genreunabhängig durch die Platten in den Kisten blättern, bei einem Cover oder einem Titel hängen bleiben. Einfach weil sie interessant aussehen oder spannend klingen. Manchmal führt dieses Planlose auch zurück an die eigenen musikalischen Wurzeln. Dann steht man auf einmal vor einem Stapel mit Platten von Deep Purple, sagt sich „Wird mal wieder Zeit, dass ich die höre“ und greift sich ein Album, das in der eigenen Sammlung fehlt.

Vinyl Deep Purple In Rock im Plattenladen Marleen Records in Fulda (Hessen/Deutschland/Germany)
Nicht wenige Vinyl-Fans sind mit der Musik von Deep Purple großgeworden. (Foto: Sascha-Pascal Schimmel)

Oft ist es auch die Musik, die im Plattenladen läuft, die uns auf Neues stößt. Dann ist es vollkommen egal, ob wir schon vier Platten, die wir mit nach Hause tragen werden, unter dem Arm tragen. Dieses Neue muss auch noch mit. Das kann natürlich auf Dauer ins Geld gehen. Dementsprechend ist es nicht schlecht, die eigenen Impulse zumindest ein wenig im Griff zu haben. Aber es ist eben auch ein schönes Gefühl, Musik entdeckt zu haben, die bisher auf dem eigenen Plattenspieler keine Rolle gespielt hat. Genauso ist es, wenn Inhaber oder Mitarbeiter eines Ladens ihren Kunden eine Neuerscheinung ans Herz legen. Weil sie der Meinung sind: „Das könnte ihm Spaß machen, auch wenn es nicht das ist, was er für gewöhnlich hört.“

Das alles und schließlich die persönliche Beratung heben Plattenläden von Elektrofachmarkt, Drogerie und Online-Handel ab. Hier treffen Vinyl-Kenner und -Liebhaber (Kunden) auf andere Liebhaber und Kenner (Verkäufer, Inhaber). Auf der Website von Record Store Day Germany heißt es treffend: „Plattenläden sind Teil musikalischer Sozialisation und Inspiration sowie Ort der Entdeckung neuer Bands.“ Stimmt.

Auf recordstore.love findet ihr übrigens eine sehr umfangreiche interaktive Karte, die euch Namen und Adressen von Plattenläden unter anderem aus Deutschland verrät.


RSD Black Friday 2021

Am 26. November 2021 findet der Record Store Day Black Friday statt. Auch Marleen Records ist dabei. Wir haben Releases auf Lager, die exklusiv für diesen Tag veröffentlicht wurden.

Black Friday 2021 RSD Record Store Day Germany Deutschland
Records SS

~ von Marleen Records - November 23, 2021.

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